1. November 2012_Hann. Münden. Das Café Aegidius, vor ein paar Jahren noch eine Kirche, war beinahe voll besetzt. Anfang November fanden sich Mündener Bürger dort nicht zum Beten oder Kaffee trinken, sondern zum Zuhören ein. Bernd Demandt, der Fachwerk-Aktivist, hatte zur Veranstaltung geladen. „Das Haus Speckstraße 7 soll während der Denkmalkunst 2013 vom 27. September bis 6. Oktober 2013 zum Hann. Mündener Künstlerhaus in nur 216 Stunden umgebaut werden“, sagte er den Gästen. Ein noch zu gründender Künstlerverein wolle das Haus mieten und als Galerie, Kunstwerkstatt und Künstlerherberge führen. Für dieses verwegene Vorhaben werden Mitstreiter gesucht, die sich in einer Genossenschaft oder einem Verein zusammen tun.
Dass so etwas möglich ist, hat Bernd Demandt bereits unter Beweis gestellt. Er sanierte Häuser und Kirche, betreibt das Fahrradhotel Aegidienhof, das Café Aegidienkirche und das Gästehaus Tanzwerder. Der gelernte Schreiner betrat spätestens dann Neuland, als die Bauarbeiten abgeschlossen waren und die ersten Gäste eintrafen. Seit dem zeigt er, was man dem Touristen im Fachwerk bieten kann, seit dem sind seine Projekte echte Erfolgsgeschichten.
Mit dem neuen Projekt, das ein Teil des Denkmalkunst Festivals 2013 sein wird, hat sich Bernd Demandt wieder viel vorgenommen. Er sagt den Bürgern von Hann. Münden „mit diesem durchgeknallten Vorhaben“ neben einer großartigen Performance auch die Initialzündung für die Erhaltung der Altstadt voraus. Denn gerade dort hat der demografische Wandel bereits Spuren hinterlassen, Fachwerkhäuser stehen leer und verfallen. Denkmalpflege und Denkmalschutz, Gelder aus Fördermitteln haben Fachwerksubstanz bislang retten können. Der Staat, das Land und die Stadt können in Zukunft aber nicht mehr so viel leisten, der Ruf nach mehr Bürgerengagement wird lauter. Burkhard Klapp, Denkmalpfleger der Stadt, begrüßt das Projekt auch vor diesem Hintergrund. Es habe Leuchtturmwirkung, zudem könne man sich auf das Wort von Bernd Demandt verlassen. Es sei wichtig, im Konsens mit der Stadt und den Bürgern, den richtigen Weg, das richtige Konzept zu finden. Seitens der Denkmalpflege würden das Künstlerhaus und das gesamte Projekt begrüßt.
Der Fachwerk-Aktivist Demandt glaubt ebenfalls an das Gelingen und Nachhaltigkeit. Er hat das Haus in der Speckstraße für 20.000 Euro gekauft, will es aber spätestens bei Projektbeginn einer Genossenschaft oder einem Verein übertragen. Darum lautete seine Frage an diesem Abend: „Kann die Gründung einer Genossenschaft diesen Traum verwirklichen oder sogar Chance für die Erhaltung der Fachwerkhäuser sein?“
Rechtsanwältin Farnoush Bejnoud vom Zentralverband Deutscher Konsumgenossenschaften e. V. aus Hamburg referierte zum Thema Genossenschaften. „Die Gemeinnützigkeit steht immer im Vordergrund“, sagte sie und dass in den letzten drei Jahren 700 neue Genossenschaften gegründet wurden. Aktuell sind 20 Millionen Menschen in Deutschland in 7500 Genossenschaften organisiert. Dass es um diese keinen Medienrummel gebe, erklärte die Rechtsexpertin damit, dass dafür die Skandale fehlten. „Die Genossenschaft ist ein gutes Modell der Bürgerbeteiligung“, führte sie ihren Vortrag aus. Ohne Mindestkapital, mit Gleichberechtigung und Haftung in Höhe der Anteile, leichter Ein- und Austritt und hohe Transparenz zeichneten dieses Modell aus.
Diese Pluspunkte bestätigte Folkert Groeneveld, Vorstand der VR-Bank Südniedersachsen eG. „Genossenschaft macht Spaß“, sagte er und bescheinigte dieser Form der Bürgerbeteiligung, ordentliche Prüfungsgremien und vor allem Nachhaltigkeit. „Gemeinsam ideelle Erfolge erzielen, ist aktuell hoch im Kurs “, so Groeneveld.
Einen hohen Renditekurs bescheinigte Dipl.-Ing. Rolf Vogt, Vorstand Gemeinnütziger Bauverein in Hann. Münden e.G., seiner Wohnungsbaugenossenschaft. Seit 1898 arbeite dieser erfolgreich, vier Prozent Rendite gäbe es seit Jahren für die Mitglieder. Vogt begrüßt das Projekt Speckstraße und sagte Hilfe bei der Umsetzung zu. Das Genossenschaftsmodell hielt Vogt für dieses Vorhaben als nicht geeignet, er riet zur Vereinsgründung.
Friedwart Vogel von der Gemeindenützlichen Genossenschaft Felsberg e.G. (GeGeFe) stimmte dem nicht in allen Punkten zu. „Gründen Sie auf jeden Fall eine Genossenschaft“, riet er den Fachwerkfreunden. Vogel ist Vorstandsmitglied der GeGeFe und seit deren Gründung im November 2010 dabei. Es mache viel Arbeit, brauche eine richtungsweisende Galionsfigur, kompetente Mitstreiter und Experten. „Es geht nur gemeinsam“, sagte er. Mit dem ZDK als Berater habe die GeGeFe gute Erfahrungen gemacht. „Als Genossenschaftsmitglied wird der Bürger wieder zum Eigentümer seiner Stadt“, so Vogel.
Ob die Genossenschaft oder der Verein das richtige Modell für Demandts Vorhaben ist, wird sich in kommenden Sitzungen mit denjenigen klären lassen, die sich an dem Abend in eine Interessentenliste eintrugen. Die Frage: „Warum sollte ich Geld oder Arbeit in ein Fachwerkhaus investieren?“, müssen sich viele Bürger noch selbst beantworten oder durch Informationsabende wie diesen beantworten lassen.
Beispiele wie das von Bernd Demandt oder auch die Postscheune von Inga Hansen, die in nur sechs Monaten Bauzeit eine alte Scheune zur Floralen Manufaktur umbaute und dabei den Vorgaben der Fachwerkkonstruktion folgte, zeigen welche Schmuckstücke entstehen können, wenn Bürger Mut haben. Im Schulterschluss mit dem Denkpfleger wurde ein Abriss und der Ausbau möglich, Burkhard Klapp ist auch hier mehr als zufrieden mit dem Ergebnis für die Stadt.
In Hann. Münden stehen Fachwerkhäuser aus sechs Jahrhunderten. Es waren und sind Wohn- und Geschäftshäuser, teilweise kunstvoll verziert, jede Generation hat daran gebaut. Im Fachwerk ist eine mobile Habe, Fachwerk ist in Bewegung.
Mit dem neuen Projekt Speckstraße zeigt Bernd Demandt seine leidenschaftliche Beziehung zu einem Haufen Holz, der irgendwann kunstvoll und konstruktiv zusammengesetzt wurde. Dabei hat Fachwerk viel zu bieten, es schreit nach kreativen Ideen, ist lebendig, anmutig und grundsolide.
Obwohl in den kommenden Jahren wohl immer mehr Platz zum Leben und Wohnen da sein wird, könnten Bürger wieder enger zusammenrücken. Wohnen in der schönen Altstadt, die den Ansprüchen aller Bürger gerecht wird, ist möglich, das Wohnen in einem Unikat, von denen auch Hann. Münden einige hat. Es sind Häuser, die aus Zeiten stammen, in denen Meister wie Michel Angelo oder Leonardo da Vinci ihre Kunstwerke schufen.
„Warum soll ich Geld oder Arbeit in ein Fachwerkhaus investieren?“, fragen sich die Bürger vielleicht. „Wer würde die Mona Lisa, das olle Ding, zum Sperrmüll stellen?“, könnte man als nächste Frage anhängen.
Hann. Münden hat in Bernd Demandt vielleicht seinen Meister gefunden. „Wenn du das Projekt leitest, bin ich dabei“, sagte ein Gast am Ende der Veranstaltung zum Gastgeber. Ob in einer Genossenschaft oder dem Verein, bleibt noch offen. Positive Resonanz und spontane Mitarbeitsangebote gab es schon. Fortsetzung folgt.