Spangenberg – ein Baustellenprofil

Spangenberg – ein Baustellenprofil

image

Jeder Handgriff zählt
Wie in Spangenberg das Händewerk zur Orientierungshilfe wird
von Diana Wetzestein

Dienstagmorgen, 9.45 Uhr. Hoch über der kleinen Fachwerkstadt scheint die Sonne auf das historische Schloss Spangenberg. Direkt über dem frühlingsgrünen Laubwald leuchtet es unter blauem Himmel. Der Hang gegenüber liegt noch im Schatten. Dort befindet sich die Baustelle „Haus Händewerk“ mit freiem Blick auf die Sonnenseite.

An diesem Morgen sind vier Frauen und elf Männer im „Händewerk“ beschäftigt. Das Fachwerkhaus stammt im Kern aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Vor etwa 350 Jahren haben an dieser Stelle schon einmal viele Menschen zusammengearbeitet. Sie schufen, Stein für Stein, das Fundament. Der Zimmermeister konstruierte aus den Eichen des umliegenden Waldes die Schwellen, Ständer, Riegel und Streben, die Gesellen und Lehrlinge bauten das auf, was der Meister ihnen antrug. Einer lernte vom anderen, der Bauherr sorgte für den Lohn und die tägliche Verpflegung. Alles war reine Handarbeit und nur möglich, weil viele Hände mit zupackten. Am Ende konnten sie stolz sein auf dieses Gebäude, das elf Generationen ein Dach über dem Kopf gegeben hatte.

350 Jahre später drohte es zu verfallen. Die Milden Stiftungen und Spangensteine e. V. nahmen sich dem Haus an, einen Teil nutzen sie bereits als Büro, die neunsprachige Bücherei ist dort untergebracht. Heute sitzen die Verantwortlichen für das Projekt wieder zusammen. Es geht um die Integration von Flüchtlingen und Langzeitarbeitslose.
Die gemeinnützigen „Milden Stiftungen“, eine bis ins Mittelalter zurückreichende gemeinsame Stiftung von Stadt und Evangelischer Kirchengemeinde hat das Gebäude gekauft und will in ihrem „Haus Händewerk“ zwei Sozialwohnungen und weitere kreative Räume schaffen. Unterstützt vom Stadtentwicklungsverein Spangensteine e. V., der die AGH-Maßnahme betreut. Im Team sind Sabine Wunderlich, sie leitet das Büro Spangensteine e. V. und die AGH-Maßnahme, Nele Blauth, Ehrenamtskoordinatorin in der Flüchtlingshilfe und für die Sozialbetreuung der Teilnehmer in den AGH-Maßnahmen zuständig, aus der Buchhaltung Susanne Möllmann, Pfarrer Dr. Volker Mantey, als Vorsitzender der Spangensteine e. V. und Milden Stiftungen und Martin Will, der Sozialpädagoge mit einem ausgezeichneten Händchen für Mensch und Handwerk.

Auf dieser Baustellte geht es langsam voran. Auf der Mauer steht eine pinkfarbene Kaffeetasse. Dennoch wird dort gerade ein neues Fundament gebaut. Wer sehen will, wie hier gearbeitet wird, muss hinter die blaue Bauplane, über die Baubohlen, mitten rein in den entkernten Gebäudekörper steigen. Für Laien unvorstellbar, dass hier einmal neue Räume entstehen werden. Nur wenige alte Eichenbalken aus der Bauzeit sind noch vorhanden, ein temporäres neues Holzgerüst stützt das Dach und hält die Außenwände zusammen. Täglich müssen viele Entscheidungen getroffen werden. Standfestigkeit, Funktionalität, finanzieller Aufwand, sprich Kosten und Nutzen müssen abgewogen, dabei die Wertschätzung aber nicht vergessen werden. Die Menschen sollen wieder Spaß an der gemeinsamen Arbeit bekommen und später auf dem freien Arbeitsmarkt etwas finden.

Vom Büro aus sind das Rattern der Mischmaschine, Hammerschläge und ab und an eine Motorsäge zu hören. Der Geruch vom Holzkohlegrill zieht durch das Haus. „Heute wird wieder gegrillt, weil jemand Geburtstag hatte“, sagt Martin Will. Der 70-jährige hat die Bauaufsicht übernommen, schiebt gleich nach der Besprechung die Schubkarre unter die Mischmaschine, packt mit an. Er gibt jedem die Arbeit, die er schaffen kann und die Pausen, die jeder braucht. Alles läuft parallel, sogar das Grillen. Im Hinterhof, zwischen Bauschutt und Treppenaufgang stehen sie zusammen in der Sonne. Essen, reden und suchen das vor allem das Gespräch mit Martin. Ein Kollege ist schwer erkrankt, kann nicht mehr dabei sein, das macht allen zu schaffen.

Es gibt ganz unterschiedlich Gründe, warum diese Menschen sich täglich an dieser Baustelle treffen, warum sie alte Balken schleppen, Mauern einreißen und neue hochziehen. „Sie haben Einbrüche in ihrem Leben erfahren, brauchen Zeit, sich davon zu erholen und neue Wege zu finden. Bei uns werden sie in geförderter Festanstellung oder in einer AGH-Maßnahme beschäftigt“, sagt Martin. Nebenbei bespricht er mit Mario, welches Material er in Kürze braucht und beobachtet Bernd K. dabei, wie er und Dennis den Rest einer Schwelle unter der Fachwerkwand freilegen. Seit einer Stunde sind sie schon mit Stemmeisen, Fäustel und Motorsäge am Werk, jetzt endlich bewegt sich der schwere Eichenbalken, der mehrere hundert Jahren lang die Wand gehalten und jetzt ausgedient hat.

Und sofort sind auch Markus, Romy und Uwe zur Stelle, packen mit an, tragen das Holz gemeinsam nach draußen. Immer wieder müssen sie Pausen einlegen, den Balken absetzen. Mühsam manövrieren sie ihn zwischen dem Holzgerüst hindurch, über die Bohlen und schließlich unter der Plane durch auf den Hof. Es waren nur etwa 15 Meter, die es in sich hatten. Am Ende herrscht große Freude, diese Hürde gemeinsam genommen zu haben.

Ihr Arbeitstag geht von 8 bis 14.30 Uhr. In dieser Zeit haben sie kleine Erfolge, kommen auch an ihre Grenzen, neben der Arbeit sind es Gespräche und gemeinsame Mahlzeiten, die wichtig sind. Und jeder Handgriff, der dabei hilft, ein Haus zu errichten, das wieder vielen Generationen ein Dach über dem Kopf geben wird.

Alle E-Mails und E-Mail Adressen werden vertraulich behandelt und nicht veröffentlicht oder weitergegeben.

Vielen Dank! :)

bitte Namen eingeben

bitte korrekte Email eingeben

bitte Mitteilung eingeben