HCH – Welt-DrehHaus-Zentrum

HCH – Welt-DrehHaus-Zentrum

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Petra und Christopher Rinn bauen das vierte DrehHaus
von Diana Wetzestein

10. Mai 2019_Heuchelheim_Blauer Himmel, die Sonne steht hoch über dem runden Holzbaukörper, der vom Gerüst umschlungen scheint. Neben dem Richtbaum steht der Zimmermeister, spricht den Segen, wirft ein Glas zu Boden. Damit segnet er auch die Bauherren. In diesem Fall sind es Petra und Christopher Rinn. Beide sind Meister im Zimmererhandwerk, er ist Obermeister der Zimmererinnung Gießen und ein engagiertes Mitglied im Cluster „pro holzbau hessen“. Für seinen Ausspruch: „Der Mensch braucht runde Formen, um sich wohl zu fühlen“, ist er dort bekannt.

Die Zuschauer applaudieren, als das Glas am Boden zersplittert. Es sind Nachbarn, Architekten, Lieferanten, Dienstleister, die Belegschaft, Verwandte und Familienmitglieder, die mit dem Satz „Bei uns läuft jeden Tag ein Baum am Haus vorbei!“, zum Richtfest eigeladen wurden. Sogar ein Filmproduzent ist mit der Kamera dabei, denn hier wird gerade das Richtfest des vierten DrehHauses gefeiert. Wieder entsteht ein innovativer Holzbau, der alle Beteiligten immer wieder besonders herausfordert.

Obwohl alles auf der Baustelle noch im Rohbau ist, fühlt sich mancher Richtfestbesucher beim Gang durch die Baustelle vielleicht an das Innere eines Raumschiffes erinnert, in dem langgezogene Kurven die Gänge von einem zum nächsten Raum verbinden und große Fensterflächen den weiten Blick in die Ferne zulassen. Der Obermeister zeigt damit, was die Spezialität der Firma Rinn im hessischen Holzbau ausmacht.

Das DrehHaus ist in Heuchelheim bekannt, hat sogar einen Eintrag bei Wikipedia. Aber könnte jetzt die Zeit dafür gekommen sein, diese hessische Innovation noch öfter zu exportieren? Dafür wird die Internetseite gerade überarbeitet, modern, innovativ und vor allem mehrsprachig soll sie werden. „Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass Heuchelheim fast uneinholbar mit diesem dritten DrehHaus den Titel „Welt-DrehHaus-Zentrum“ weiter ausgebaut hat“, sagt er mit Überzeugung.

Das DrehHaus wurde von Zimmermeister Heinrich Rinn erfunden. „In verhältnismäßig kurzer Zeit gehen unsere Bodenschätze zur Neige. Für die Energie aus der Steckdose müssen dann die wirklichen Kosten bezahlt werden. Das DrehHaus erlaubt mit Hilfe von Sonne und Regen einen energieautarken Betrieb ohne Einschränkung der Ansprüche bezüglich Gestaltung und Nutzung.“ Das Zitat des Zimmermeisters stammt aus den 1970er Jahren, als die Ölkrise zum Energiesparen ermahnte. 1997 setzte er seinen Traum vom DrehHaus endlich um.

Auf der Sonnenseite sieht die Konstruktion große Glasflächen und Lichtschächte vor, während die andere Seite außen geschlossen ist. Die Idee scheint einfach, die Realität hingegen ist: die Nachweise für eine Baugenehmigung müssen her. Das sind Standsicherheitsnachweiß für ein Gebäude, das nicht mit Beton, sondern „voll Öko in Holz gebaut werden soll; das nicht fest, sondern dynamisch daherkommt; in dessen Keller die Kräfte auf ein Drehlager einwirken und das kaum lastabtragende Innenwände hat. Es handelt sich um einen schwebenden, auskragenden Baukörper, wo die Durchbiegungen und Schwingungen berechnet werden müssen und das am Ende als KFW40 Plus Haus funktionieren soll“, sagt Christopher Rinn mit Verständnis für jeden Beteiligten.

Als Wohn- und Musterhaus ist es gedacht. Der Interessent erfährt alles über die Regenwassernutzung, solare Wassererhitzung und passive Sonnennutzung durch Fensteranordnung. Die Wärmedämmung entspricht Passivhausstandard und ein Elektromotor mit 0,18 Kilowattstunden oder die Energie eines Trimmfahrrades reichen aus, das Gebäude entsprechend dem Sonnenstand zu bewegen. Die Balkone können aus dem Wind heraus- oder in die Sonne hineingedreht werden, Unwettern oder großer Hitze kann die geschlossene Seite entgegengestellt werden. Das Haus produziert mehr Energie, als es verbraucht. Die Besonderheit allerdings ist und bleibt die optimale Nutzung von Sonnenlicht.

Im Keller ist die Drehtechnik untergebracht, hier findet die Übergabe von fest auf drehen statt. 24 Holz-Streben halten den Drehteller, auf dem der Holzrahmenbau verankert ist. Das Flachdach mit liegenden Solarmodulen schließt den Holzbaukörper ab. Viele Handwerker, die anfangs den Kopf schüttelten, erkannten schon bei der Einrichtung der Baustelle, wo der Vorteil eines drehbaren Baugrundes liegt. Der Holzrahmenbau wird in der Werkshalle vorgefertigt, die Bauteile per Kran vom LKW auf die Baustelle gehoben. Der Kranführer hat immer nur eine Position anzusteuern und auch der Gerüstbauer erkannte schnell, dass sich die drehbare Baustelle positiv auf sein Zeitmanagement auswirkt. Denn jeder kann sich die Baustelle dahindrehen, wo er sie haben will.

 

Begeisterung auch beim Kunden
Mit dem DrehHaus hat sich auch Rolf Friedenstab in Rödental bei Coburg seinen Traum vom ganz anderen Leben und Wohnen erfüllt. Ein Neuanfang ging einher mit dem Wunsch nach dem besonderen Haus. Seit fünf Jahren lebt er in seinen eigenen runden Wänden, mit Fensterflächen, die viel Licht und Wärme ins Haus lotsen. Das Smartphone dient zur Steuerung und Kontrolle, zeigt an, wieviel Strom er erzeugt und verbraucht hat. „Es ist kein Karussell, es dreht sich langsam um etwa 350 Grad am Tag, das merkt man kaum. In der Nacht fährt es in etwa 45 Minuten wieder auf die Sonnenposition zurück“, erklärte Friedenstab, der die Besonderheiten und Vorzüge dieses Hauses nicht mehr missen möchte.

Er teilt die Begeisterung des Herstellers und schwärmt für seinen drehbaren Holzbau, bestehend aus 40 Kubikmetern Konstruktionsvollholz, fährt täglich der Sonne hinterher, nutzt Erdwärme, Wärmetauscher, PV-Anlage und das Smartphone für die Steuerung der 130 Quadratmeter großen Wohnfläche mit wechselndem Ausblick. Im Keller liegt die Innovation der Firma Rinn verborgen. Über das „Allerheiligste“ ist Stillschweigen vereinbart. Nur so bleibt das Know-how einzigartig.

Per Computer regelt er die Position des Hauses. „Früh morgens steht es in der Sonnenposition bereit, an heißen Tagen lasse ich es oftmals feststehen und reguliere die Position individuell“, sagte er, während sich das Haus langsam nach rechts drehte und sich der Ausblick durch die großen Fensterflächen im Erdgeschoss für den Gast merkbar veränderte. Nachbarhäuser, die Teichanlage, die Zäune und Bilder zogen langsam am DrehHausbesucher vorbei. Die dynamische Aussicht wirkt ungewohnt, nicht aber unangenehm. „Da läuft außen am Fenster ein Baum vorbei!“, wer kann das noch bieten?

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