HCH – Vogelsbergkreis

HCH – Vogelsbergkreis

11. Dezember 2018_Lauterbach. In der Halle der Zimmerei Schneider Holzbau trafen sich Bürgermeister Rainer-Hans Vollmöller, der Vorsitzende der Kreishandwerkerschaft für den Vogelsbergkreis, Erwin Mönnig sowie der Erste Kreisbeigeordnete Jens Mischak. Sie waren der Einladung von Zimmermeister Clemens Schneider gefolgt, der auch Obermeister der Zimmererinnung Vogelsbergkreis ist. Pro holzbau hessen war mit Heinz Moering, Helmhard Neuenhagen (Bubiza) und Ralf Böttger (Verband Hessischer Zimmermeister e. V.) vertreten, denn der Vogelsbergkreis ist in die Clusterinitiative eingetreten, in der Zimmererinnung und Vogelsberg Consult bereits vertreten sind. „Eine Analyse für den Wirtschaftsstandort Vogelsberg hat gezeigt, dass der Holzbau einer der wesentlichen Wirtschaftsfaktoren ist. Der Eintritt in das Cluster war daher eine wichtige und richtige Entscheidung“, sagte der Erste Kreisbeigeordnete Mischak.

„Die Zimmerei vor Ort stellt einen wesentlichen Teil der Wertschöpfungskette dar, darum sind sie wichtige Partner im Cluster“, sagte Heinz Moering, Geschäftsführer pro holzbau hessen. Er begrüßte die Entscheidung des Landkreises und betonte, dass es verschiedene Institutionen brauche, um dem Holzbau eine starke Lobby zu verschaffen. „Wir bieten ein Netzwerk aus Forst, Sägeindustrie, Wirtschaft, Forschung und Handwerk, wir organisieren Schulungen, Ausstellungen und geben wichtige Impulse an die politischen Entscheider weiter“, so Moering. Der Bauboom in den Großstädten wirke sich zudem immer mehr auf die ländlichen Gebiete aus, gab Helmhard Neuenhagen zu bedenken. „Immer mehr Anfragen und Aufträge aus den Ballungszentren erreichen auch Betriebe im Vogelsbergkreis“, so Neuenhagen.

„Ich möchte ihnen einen Einblick in die Arbeit eines kleinen Betriebes mit nur vier Angestellten geben, der trotzdem ein wichtiger Partner im Holzbau und der Holzwirtschaft ist“, so Schneider, der als Obermeister die Interessen für derzeit 13 Innungsbetriebe vertritt und die Gäste auf zwei Baustellen führte. Es ging nach Frischborn, einem Ortsteil von Lauterbach, wo Schilder, Gerüste, Fahrzeuge, Baumaterial und ein Kran auf die Arbeit aufmerksam machten. „Restaurator im Zimmererhandwerk“, auf dem Baustellenschild ein wichtiger Hinweis, der aussagt, dass sich dieser Betrieb einem Geschäftsfeld widmet, bei dem Denkmalschutz und -pflege nur eine von vielen Herausforderungen darstellt. Clemens Schneider nimmt den Bauherren die Angst vor der alten Bausubstanz, er berät, arbeitet mit weiteren Handwerksfirmen zusammen, stimmt sich ab und sorgt dafür, dass seine Mannschaft Arbeit hat. Sein Mehraufwand, meist nur zeitlich aber nicht finanziell einkalkuliert. „Die Sanierung und Nutzung der historischen Gebäude bringt Leben in den Vogelsbergkreis“, so Schneiders Erklärung.

Vor dem Fachwerkhaus von Anika Döll bleibt die Gruppe stehen, während Zimmerergesellen am Dach des Wohnhauses arbeiten. Wahrscheinlich in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts erbaut, mit Gefach übergreifenden, schmuckvoll gebogenen Streben, die mit Kopfwinkelhölzern zwei ganze und zwei halbe Mann-Figuren im Obergeschoss bilden. Kurze Stiele unter dem Brüstungsriegel und die profilierte Stockwerksschwelle ruhen auf dem Erdgeschoss. Dort wurde irgendwann das Fachwerk ausgetauscht und Langstreben eingebaut. Nach über zehn Jahren Leerstand wird nun kernsaniert, Eichenfachwerk, Lärchenfenster, Dielenbretter aus Vogelsberger Douglasie im Wohnbereich eingebaut und Lärchenschindeln an der Wetterseite angebracht. Der Lehmputz wird wiederhergestellt und vielen Handwerksbetrieben werden Aufträge erteilt. Anika Döll, die als Denkmalpflegerin arbeitet, erzählte, sie habe beim Kauf eher emotional entschieden, das Haus und der Standort hätten ihr einfach gefallen, darum sei die Beratung von Clemens Schneider von großer Bedeutung. „Der Landkreis hat alles, was es für den Holzbau braucht. Bei Clemens Schneider spürt man, dass er Freude an seinem Handwerk hat, dieser Funke springt auch auf andere über und das macht das Leben in unserem Landkreis aus“, sagte Bürgermeister Vollmöller.

Nur wenige Meter von dieser Baustelle entfernt liegt die Hofanlage von Dorina Bernges. Die Gebärdensprachdolmetscherin hat Haus und Scheune ihrer Großeltern übernommen, schon bald soll der Hof ihr eigenes Zuhause sein. Ihre Erinnerungen an das Leben mit den Großeltern und die Geschichten ihres Vaters verbinden sie mit den Gebäuden, in jedem Winkel stecken Erinnerungen. Im stattlichen Fachwerkhaus, Baujahr 1777, sind an den Ecksäulen kunstvolle Schnitzereien zu sehen, im Rähm eine Inschrift, deren Wortlaut genau dokumentiert ist. Der Bau war sicher kostspielig und hat bereits Anno 1777 große Aufmerksamkeit erzeugt. Jetzt, 250 Jahre später, tut er beides erneut.

„Wir haben nicht nachgerechnet, ob ein Neubau günstiger wäre. Wir wollen hier leben und das Haus erhalten und haben auch keine Zuschüsse für die Sanierung beantragt“, sagte Dorina Bernges. Sie habe die Einmischung seitens der Denkmalpflege befürchtet und vermutete dadurch mehr Kosten als Nutzen. Diese Aussage konnten Bürgermeister Vollmöller und Erwin Mönnig durchaus nachvollziehen, was zeigt, dass an dieser Stelle Verbesserungsbedarf besteht. Der könnte innerhalb des Clusters mit dem Werra-Meißner-Kreis kommuniziert werden, der als Clustermitglied mit dem Modellprojekt „Energetische Quartierssanierung“ ein übertragbares Konzept hat. Ob mit oder ohne Zuschuss, so wie das Haus einmal war, sollte und konnte es nicht bleiben. Den Sanierungsstau langfristig zu beseitigen, Lehm, Kalk und Leinöl zu verwenden, den Umbau wohngesund und sinnvoll zu gestalten und gute Ideen umzusetzen, sei ihr Ziel, so die Bauherrin. Ein wichtiger Partner ist auch hier wieder Clemens Schneider, der, bei einem Imbiss auf der Baustelle, aber auch von den Herausforderungen sprach.

„Anstelle von Ortgangziegeln mussten Wettbretter angebracht werden, wie es im Vogelsberg üblich war. Das Haus wurde sandgestrahlt, einige Bundpfosten, Schwelle, Gesims und Stiele müssen restauriert werden, Gefache, Fenster und Haustür, an einfach alles gedacht und angefasst werden“, so Schneider. Ein Anbau, erst 20 Jahre alt, wurde auf seinen Vorschlag hin ins Wohnkonzept mit einbezogen, alte Scheunenteile abgerissen. Schneider denkt mit, redet darüber und engagiert sich im Holzbau. Er ist Obermeister mit Leib und Seele, der seine Innungsbetriebe gut vertreten hat und die Gäste von seinem Handwerk vollends überzeugte.

Infokasten: pro holzbau hessen hat seinen Sitz in Kassel, im Bundesbildungszentrum des Zimmerer- und Ausbaugewerbes. Der Verband Hess. Zimmermeister e. V. hat die Gründung des Clusters initiiert, seit 2016 setzt sich dieses für Holzbau und Ausbau in Hessen ein. Eine bessere Vernetzung von Forst, Sägeindustrie, Betrieben, Forschung und den Kunden wird angestrebt, das Prinzip der Kaskadennutzung von Holz konsequent verfolgt. Das Cluster wird im Rahmen der „Investitionen in Ihre Zukunft“ und „EUROPÄISCHE UNION – Europäischer Fonds für regionale Entwicklung“ gefördert. Infos: www.holzbau-cluster-hessen.com

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