2. Fachkongress Holzbau in Hessen

2. Fachkongress Holzbau in Hessen

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Mehr Holzbau für den Klimaschutz
2. Fachkongress Holzbau in Hessen liefert Handlungsempfehlungen für die Politik
von Diana Wetzestein

Die Clusterinitiative pro holzbau hessen setzt sich für den Holzbau ein. Im September fand der 2. Fachkongress Holzbau in Hessen statt, um dem Holzbau mehr Aufmerksamkeit zu geben.

v.l. Prof. Kaden, Peter Starfinger, Gertrudis Peters, Dr. Merk, Prof. Winter, Prof. Vogelsberg, Heinz Moering

Gießen. Wie kann der Wohnungsmangel in Deutschland zeitnah und dabei klimaschonend behoben werden? Theoretisch ist das einfach zu beantworten: Mit dem Holzbau. Der 2. Fachkongress Holzbau in Hessen lieferte dazu der Mitte September klare Handlungsempfehlungen. Basierend auf Zahlen, Fakten und Praxisbeispielen, von Universitäten, Planungs- und Ingenieurbüros sowie dem Pestel Institut für Systemforschung erarbeitet und geliefert wurden. Fazit: Der Holzbau ist den gesetzlichen Regelungen weit voraus. Die rechtlichen Vorgaben müssen von der Politik zeitnah angepasst werden, nur so könnten die Unternehmen Planungssicherheit bekommen und langfristige Investitionen tätigen.

In direkter Nachbarschaft wird gerade ein Gebäude aufgestockt. In Holzbauweise. Im Hörsaal Roxy Kino der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) begrüßte Prof. Achim Vogelsberg 185 Teilnehmer zum zweiten Fachkongress. Als Vorsitzender des Veranstalters, pro holzbau hessen und Hausherr der THM moderierte er die zweite Fachtagung , die in Kooperation mit der THM, der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen, Ingenieurkammer Hessen, der Deutschen Säge- und Holzindustrie sowie Holzbau Deutschland – Verband Hessischer Zimmermeister e. V. stattfand.

Nach Grußworten von Dipl.-Ing. Gertrudis Peters, Geschäftsführerin der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen sowie dem Geschäftsführer der Ingenieurskammer Hessen, Dipl.-Ing. (FH) Peter Starfinger, ging es in den darauffolgenden sieben Stunden um mehrgeschossigen Holzbau, Brandschutz, Aufstockung und Nachverdichtung. Der Kongress richtete sich an Architekten, Tragwerks- und Stadtplaner, an Kommunen, Bauherren, die Holzwirtschaft und das Handwerk. Die Unternehmen Pollmeier GmbH, ante Holz, Detail, best wood Schneider GmbH und Derix informierten die Kongressteilnehmer am Rande der Veranstaltung über neue Produkte und Innovationen im Holzbau.

Die Teilnehmerzahl beim Kongress sei ein Beweis dafür, dass die Holzbauweise endlich eine hohe Akzeptanz erfahre, sagte Prof. Vogelsberg. „Das Bauen mit Holz kann erheblich zur CO2-Reduzierung beitragen. Darum wird es stärker von Bund und Ländern unterstützt, immer mehr Planer setzten sich damit auseinander“, sagte er. Der Holzbau steht längst nicht mehr in den Startlöchern, vielmehr hat er schon eine gute Wegstrecke zurückgelegt. Jetzt müssen die politischen Entscheider schnellstens aufholen, damit die Potentiale zeitnah zur Verbesserung der Situation auf dem Wohnungsmarkt genutzt werden können.

 

Eigene Studienergebnisse nicht beachtet

Dipl.-Ök. Matthias Günther

Günthers Appell richtet sich an die politischen Entscheider, jetzt die Weichen zu stellen, damit der Wohnungsmangel durch Holzbau behoben werden kann.

Politisch gewollt waren die Ausweitung des Wohnungsbaus und die Reduzierung des Flächenverbrauchs. Diese zwei zentralen Ziele des Bundesministeriums für Umwelt und Bau (BMUB) könnten in nahezu idealer Weise durch Aufstockungen im Bestand unterstützt werden. Den Beweis dafür liefern zwei vom BMUB beauftragte Untersuchungen des ISP Eduard Pestel Institut für Systemforschung und der TU Darmstadt. Dipl.-Ök. Matthias Günther, ISP, stellte eindeutige Zahlen aus den zwei Studien vor: „Allein 1,1 bis 1,5 Millionen Wohneinheiten (WE) könnten auf Wohngebäuden der 1950er bis 90er Jahre entstehen; 560.00 WE durch Aufstockung und 350.000 WE von Umnutzung von leerstehenden Büro- oder Verwaltungsgebäuden; 400.000 WE auf Flächen von eingeschossigem Einzelhandel, Discountern und Märkten bei Erhalt der Verkaufsflächen“, sagte er. Theoretisch seien Flächen für 2,3 bis 2,7 Millionen Wohnungen vorhanden. „Fläche ist nicht vermehrbar, sie wird aber immer mehr versiegelt. Der derzeitige Ansturm darauf führt zur ständigen Verteuerung und zum Verlust landwirtschaftlicher Flächen“, so Günther.

„Die Aufstockung bietet eine Möglichkeit, neue Wohnungen zu schaffen, ohne neue Baulandflächen auszuweisen. Aufstockungen können unmittelbar zum Abbau des Wohnungsmangels beitragen“, so Günther. Vorausgesetzt, die gesetzlichen Grundlagen dafür würden endlich geschaffen. Günther zeigte sich von der Politik enttäuscht. Da die erste Untersuchung in der Politik zu keiner Reaktion geführt habe. „Von den von uns aufgezeigten Hemmnissen wurden keine weggeräumt“, sagte er.

 

Einfach, sinnvoll und bezahlbar

Prof. Tom Kaden

Sinnvolle Lösungen, umsetzbare Wohn- und Gewerbekonzepte. Prof. Kaden sieht im Holzbau Chacen für urbane Räume.

„Wir sind bereits mitten drin in der ökologischen Insolvenz, wir leben auf Pump seit dem Erdüberlastungstag am 29. Juli. Kritisch zu betrachten ist der Begriff der Nachhaltigkeit“, sagte Prof. Tom Kaden von der TU Graz. Ein Drittel der Jahresholzernte würde ausreichen, um den gesamten Neubaubedarf in Deutschland zu decken. Mit einfacher Architektur und vorgefertigten Systemen, die die Bauzeiten enorm verkürzen, könnten die Baukosten und späteren Mietpreise geringgehalten werden. Ein Beispiel aus Berlin, bei dem der Vorfertigungsgrad knapp 90 Prozent betrug, bezifferte Prof. Kaden mit Baukosten von 2.150 Euro brutto pro Quadratmeter für den sozialen Wohnungsbau. Dabei habe man auf Funktionalität und nicht auf gnadenlose Individualität gesetzt. So wurde am Ende Wohnraum geschaffen, der für 6,50 Euro pro Quadratmeter vermietet werden konnte.
Obwohl es diese guten Beispiele gibt und die Holzbauer, Planer und Prüfingenieure immer wieder Wege finden, den Holzbau so aufzustellen, der bei der nachhaltigen Beseitigung des Wohnraummangels helfen kann, „sind wir noch weit weg von der Systematisierung des Holzbaus“, so Prof. Kaden.

 

 

Richtlinien fehlen

Dr.-Ing. Michael Merk

Dr.-Ing. Merk fordert eine Erweiterung bauordnungsrechtlicher Regelungen für das Bauen mit Holz.

Denn das Baurecht deckt die technische Entwicklung im Holzbau noch nicht vollumfänglich ab. Das belegte auch der Vortrag von Dr.-Ing. Michael Merk, Leiter der Überwachung- und Zertifizierungsstelle Holzbau am Materialprüfungsamt für das Bauwesen an der Technischen Universität München. „Die aktuelle Situation erfordert eine Erweiterung bauordnungsrechtlicher Regelungen für das Bauen mit Holz“, sagte er. Nach der Veröffentlichung des Entwurfes der Muster-Holzbaurichtline (M-HolzBauRL) im Juni seien zahlreiche Eingaben zur Verbesserung eingereicht worden. Ziel sei es, rechtskonformes Bauen bis zur Hochhausgrenze durch entsprechende Richtlinien, technische Regeln, Nachweise und festgelegten Maßnahmen zur Qualitätssicherung zu erleichtern. „Die Unsicherheit im Holzbausektor ist immer noch groß und die Abweichungsregelungen, die derzeit zum täglichen Holzbaugeschäft zählen, sind aufwendig und kostspielig“, so Dr. Merk.

 

 

Holz-Bauteile erfüllen Anforderungen

Prof. Winter

Prof. Winter sagt, dass der Holzbau technisch alle Anforderungen für den Bau bis zur Hochhausgrenze und darüberhin erfüllt, schwierig ist es, die dafür geforderten Nachweise zu liefern.

Mit speziellen Holzbauteilen ist der Holzbau bis zur Hochhausgrenze und darüber hinaus möglich. Prof. Dr.-Ing. Stefan Winter, Technische Universität München, hat selbst bereits mehrgeschossige Holzbauten konstruiert und gebaut. Als Prüfingenieur nimmt er immer wieder vorgefertigte Bauteile unter die Lupe. Er sprach von 18 bis 24-geschossigen Holzbauten, die „insbesondere durch die großen Brettsperrholzbauteile (BSP) alle Konstruktionsmerkmale aufweisen, die auch im Stahlbetonbau üblich sind“, so Prof. Winter. Der Holzbau habe sich technisch weiterentwickelt, der Einsatz von BSP oder Hochleistungsträgern aus Buchenfurnierholz seien Meilensteine der Entwicklung. „In Europa werden heute 1,2 Millionen Kubikmeter BSP für den Holzbau produziert, vor 15 Jahren waren es nur 10.000 Kubikmeter“, so Winter. „Die Bauteile müssen 90 Minuten feuerwiderstandsfähig sein, Lasten abtragen können, den Wärme- und Schallschutz erfüllen, diese Anforderungen können bereits erfüllt werden. Schwieriger ist es, die Nachweise dafür zu liefern“, sagte er. Für die Massivholzbauweisen fehlten die Regelungen für den Brandschutz. In Ausschreibung oder Brandschutznachweisen würde für BSP immer noch „hochfeuerhemmend“ gefordert. Doch hochfeuerhemmend und Brettsperrholz sei schlichtweg nicht zu erfüllen, waren sich alle Experten einig.

 

 

Anspruch auf Abweichungen nutzen

Dr.-Ing. Dirk Kruse

Die Hessiche Bauverordnung muss noch eindeutiger formuliert werden. Ein rechtssicheres Arbeiten sei derzeit nicht möglich, sagt Dr.-Ing. Kruse

Baden-Württemberg, Hamburg, Berlin und Nordrheinwestfalen haben ihre Bauordnung novelliert und modernisiert, Hessen ist gerade dabei. „Die Brennbarkeit spielt baurechtlich in diesen vier Bundesländern keine Rolle mehr“, so Prof. Dr.-Ing. Dirk Kruse, Dehne, Kruse Brandschutzingenieure GmbH & Co. KG aus Gifhorn. Für den Holzbau sei das eine gute Entwicklung. Was sich einfach anhöre, sei aber in der Praxis oft schwierig, da Abweichungen von der Landes- oder Sonderbauverordnung, von technischen Baubestimmungen oder auch Verwendbarkeitsnachweisen an der Tagesordnung seien. Das wiederum habe Einfluss auf die Genehmigungsverfahren durch Prüfingenieure, Gutachter oder Bauaufsicht. „Vor allem die brandschutztechnischen Maßnahmen der Vorschriften sind nicht ohne weiteres anwendbar. Brandschutzkonzepte müssen die Umsetzung der Schutzziele des Baurechts mittels einer ganzheitlichen Betrachtung aller brandschutztechnischen Maßnahmen in sich schlüssig und nachvollziehbar darstellen“, so Kruse.

In der Hessischen Novellierung seien einige Formulierungen noch nicht eindeutig genug, so Prof. Kruse. Denn weder er noch ein Planer, der mit diesen Bauverordnungen arbeiten müsse, könne rechtssicher damit arbeiten. Von der eigenen Auslegung bestimmter Textstellen riet er ab. Der Spezialist für den Brandschutz verwies aber auf die im deutschen Baurecht erhaltenen „Öffnungsklauseln“, die den Anspruch auf Abweichungen unterstreichen“, so Prof. Kruse.

 

Kooperationen für Großprojekte

Gemeinsam Großprojekte umsetzen, das geht in Kooperationen wie der Holz-Union. Die verspricht konstante Arbeitsauslastung und viel Planungssicherheit, sagt Heiko Seen.

Dipl.-Ing. Heiko Seen, Geschäftsführer der HU-Holzunion GmbH, Rotenburg (Wümme) dass es dennoch bereits möglich ist, innerhalb einer Kooperation von mehreren Unternehmen an Ausschreibungen für größere Bauprojekte teilzunehmen, die einer allein nicht bewältigen könnte. Eine konstante Arbeitsauslastung und viel Planungssicherheit, bescheinigt Heiko Seen den fünf Holzbauunternehmen, die ab und an bei Großprojekten zusammenarbeiten.
„Derzeit haben wir in Deutschland etwa 11.500 Holzbaubetriebe, aber nur 3,5 Prozent davon haben mehr als 19 Beschäftigte, mehr als 80 Prozent haben weniger als zehn, damit sind Großprojekte nicht oder nur risikoreich durchführbar“, so Seen. Die HU-Holzunion arbeitet aufeinander abgestimmt. „Der ausschlaggebende Faktor ist die Zeit. Je früher das Projekt abgeschlossen ist, desto besser“, so Seen. Die Bereitschaft für den Informationsaustausch sei ein wesentlicher Punkt für den Erfolg des Unternehmens. Nach Know-how, freier Kapazitäten und auch der geografischen Lage zum Projekt werden die Aufgaben verteilt und am Ende gemeinsam abgerechnet. „Hierbei ist es wichtig, die Kalkulationen offen zu kommunizieren. In Amerika ist das normal, in Deutschland immer noch ein Tabu. Obwohl sich die verschiedenen Kalkulationen nicht wesentlich unterscheiden und die Produktionskosten für verschiedene Leistungen oftmals sehr nah beieinander liegen, so Seen.

 

Werra-Meißner-Kreis stark vertreten

v.l.: Georg Enke, Dr. Rainer Wallmann, Anselm Schön, Andy Stützer, Eva Riks, Prof. Vogelsberg und Heinz Moering.

Am Rande der Veranstaltung fanden Heinz Moering und Prof. Vogelsberg auch die Zeit, mit Gästen aus dem Werra-Meißner-Kreis zu sprechen. Eva Riks, Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen, Kompetenzzentrum HeRo aus Witzenhausen, betonte, zu den Themen Brandschutz, Wohnungsbaupotentiale und Ressourcenschonende Kooperation, seien interessante Fakten geliefert worden, das mache Hoffnung. Schließlich sehe sie „Handlungsbedarf vor allem in der Reduzierung von energieintensiven Bau- und Dämmstoffen. Weniger Hybridbau, weniger Gipskarton und weniger künstliche Dämmstoffe, die uns für die Zukunft einen großen volkwirtschaftlichen Schaden in Sachen Entsorgung verursachen werden. Der Holzbau in der Praxis ist schon viel weiter als die Normung“, so Riks, die eine Preisbildung nach CO2-Verbrauch von Anfang bis Ende jeden Produkts forderte.
Auch der Erste Kreisbeigeordnete und Baudezernent, Dr. Rainer Wallmann, hat die Veranstaltung mit großem Interesse verfolgt. „Holz ist ein nachhaltiger und klimafreundlicher Baustoff, der insbesondere auch in unserer waldreichen Region in Nordhessen bereitgestellt wird. In Gebäuden eingebautes Holz wird langfristig aus dem natürlichen Kohlenstoffkreislauf entzogen und trägt damit zum Klimaschutz bei“, betonte Dr. Wallmann.
Für Anselm Schön, holzbau.planung aus Witzenhausen und seine Mitarbeiter Andy Stützer und Georg Enke waren die Informationen über aktuellen Sachstand im mehrgeschossigen Wohnungsbau wichtig. „Trotz der hohen Anforderungen an den Brandschutz, wurde man ermutigt auch mehrgeschossige Wohnhäuser zu planen, die zwar nicht der Bauordnung entspricht, aber durch Abweichungen und Kompensationsmaßnahmen dann doch möglich sind“, sagte Zimmermeister Stützer. „Und natürlich war bei dem Fachkongress auch die Netzwerkpflege mit unseren hessischen Holzbau-Partnern wichtig. Wir haben neue Kontakte geknüpft“, so Schön, der in Gießen derzeit die Alte Post zukunftsfähig macht. Mit Holzbau.

 

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