2012_Thüringen. Ein bisschen verrückt ist das schon. Warum lässt jemand eine alte Scheune ab- und einige Kilometer weiter wieder aufbauen? Transloziert heißt das im Fachjargon, und jetzt steht sie da, in einem Hinterhof in einem thüringischen Ort mit 245 Einwohnern. In der translozierten Scheune werden gerade die Gefache der Innenwände ausgemauert. AJ aus den USA macht das. Seit drei Jahren ist sie bei einem Zimmermeister in der Lehre. Vorher studierte sie in Dortmund und Bonn Psychologie. „Nur Kopfarbeit ist nichts für mich“, sagt sie und dass der Beruf der Zimmerin für sie genau das Richtige sei. Dass es Bauherren gibt, die so viel Wert auf alte Baukunst legen, findet AJ toll. Schließlich kann sie hier alle Arbeiten ausführen, die sie am Ende ihrer Ausbildung beherrschen will. Die Bauherren investieren mehrere Hunderttausend Euro, da muss alles perfekt sein und das nicht nur im Wohnhaus, sondern auch im zukünftigen Pferdestall. Schließlich sollen die Gebäude des Anwesens, zu dem noch ein Backhaus und ein Ziegenstall gehören, wiederum einige Hundert Jahre halten.
Den erdfeuchten Lehm schüttet AJ in ein Speißfass, dann nimmt sie sich einen großen Quirl und zieht ihn kreisend durch den rotbraunen Lehmputz, den sie mit Wasser mischt. Ein Lehmstein passt gerade noch in ihre linke Hand, mit der rechten schmiert sie eine Kelle Lehmputz drauf und setzt ihn sorgfältig und bündig zum Fachwerk am Durchgang der Scheune ein. AJ redet nicht viel, macht ihre Arbeit gut und die Haut der Hände hat sich auch schon an den Lehm gewöhnt. Rissige Männerhände hat die kleine Frau nicht. Ihre Haare sind dunkel und nur wenige Zentimeter kurz, anstelle des Zimmererhutes mit der breiten Krempe trägt sie ein Cappy, dazu einen schwarzen Pullover mit Firmenlogo, Weste und Breitcordhose, und wenn sie in ihren Sicherheitsschuhen über die Baustelle geht, ist sie von ihren männlichen Kollegen Peter, Paul und Leo kaum zu unterscheiden.
Diese Baustelle gibt alles her, was eine Zimmerin lernen muss. Fachwerksanierung, Restaurierung und der Lehmbau. In diesem Ort wird seit Jahren investiert. Die Hauptstraße ist ordentlich gepflastert, einige Fachwerkhäuser saniert, einige auch dank Fördergelder mit Wärmedämmung energetisch auf den neuesten Stand gebracht und verputzt. Der einfachen Dorferneuerung sei Dank, denn damit kann es weitergehen mit der Verschönerung der alten Dorfstraße, zudem ziehen Förderprogramme auch Investoren an, werden Hausbesitzer dazu gebracht, ihr Eigentum zu erhalten, andere kaufen dort ein altes Haus. Und die Gemeinde macht es vor: Bereits 1991 begann sie mit der Sanierung der Dorfkirche, der Anger wurde neu gestaltet und die Restaurierung der schönen Fachwerkhäuser gefördert, die nach 40 Jahren DDR eine „kosmetische“ Holz- und Fassadenbehandlung dringend nötig hatten. Derzeit ist ein weiterer Straßenbauabschnitt dran. Dort sind die Auskofferungsarbeiten und das Verdichten des Straßenuntergrundes mit Rüttelplatten bereits abgeschlossen, bald schon kann das Straßenpflaster gelegt werden.
Am Straßenrand inmitten der Baustelle und beinahe perfekt geparkt, steht ein in die Jahre  gekommener, ockerfarbener Trabbi. „Die Scheune, in der er über 20 Jahre stand, musste abgerissen werden“, erzählt der Zimmermeister vom Nebengrundstück aus. Vorsichtsmaßnahmen seien das gewesen, meinte die Stadt, die beim Straßenbau einen Einsturz der Scheune befürchtete. „Die wäre auf jeden Fall noch zu retten gewesen“, weiß der Fachmann, dem beim Anblick des Bauschutts das Fachwerkherz blutet. In der Tat sehen die alten Balken noch gar nicht so schlecht aus. Aber es wären große Investitionen nötig gewesen, und die kann sich nicht jeder leisten, trotz der 30 Prozent Zuschuss aus der Dorferneuerung. Jetzt liegen die dreihundert Jahre alten Holzbalken wie in einem Mikadospiel kreuz und quer übereinander, darunter große Sandsteinblöcke, die das Gebäude immer trugen. Die Baulücke ist ein Trümmerfeld. Während die Auftraggeber des Zimmermeisters gerade ihr Fachwerkhaus in ähnlicher Größe und direkter Nachbarschaft komplett sanieren lassen, ist in dem Haus an der Hauptstraße lange schon nichts mehr gemacht worden. Ein trauriger Anblick. Auf der Rückseite in der ersten Etage hängt eine Zimmertür funktionslos an der Fassade. Früher führte sie ins Nebengebäude, heute in den Abgrund. Darüber und darunter liegen Gefache frei, Löcher klaffen in der einstigen Innenwand, die jetzt buchstäblich im Regen steht. Das Dach wurde beim Abriss beschädigt. Und hinter dem Fenster huscht der Bewohner dieses Hauses vorbei, scheint Deckung im Dunkeln des Raumes zu suchen. „Manchmal kommt er raus und unterhält sich mit uns“, erzählt der Zimmermeister. Dem Nachbar ist sein Haus schon etwas Wert, nur leisten kann er sich das schon lang nicht mehr. Vor ein paar Jahren, da ging das noch, damals wurde auch an diesem Haus saniert. Neue weiße Holzsprossenfenster und ein neues Dach zeugen vom Erhaltungswillen des Besitzers.
Daneben entsteht jetzt ein Traum von Fachwerkhaus. Energetisch saniert, mit Lehm, Holzdämmplatten und Naturfaserwolle, die mit einem Gebläse in die Hohlräume zwischen Decke und Dachboden geblasen wurde. Während oben die Decken gedämmt werden, spritzen im Erdgeschoss die Zimmerer den Lehm an die Wände und ziehen ihn mit großen Holzkellen ab. Die Gefache sind mit Lehmsteinen ausgemauert, auf den Wänden halten Schilfmatten den Lehmputz, Holzfaserplatten werden angebracht. „Das Haus wird wohngesund saniert und von innen so gedämmt, dass das Fachwerk keinen Schaden nimmt. So bleibt es für alle sichtbar noch ein paar hundert Jahre stehen“, sagt der Zimmermeister, der nach seiner Gesellenprüfung drei Jahre und einen Tag auf Wanderschaft war, bevor er die Meisterschule besuchte und seinen Meisterbrief bekam. Heute hat der einstige Fremdgeschriebene eine Firma für Holz und Lehmbau, legt Wert auf Denkmalschutz und versucht jedes Stück alter Bausubstanz zu retten. Mit den Bauherren dieser Baustelle ist er auf einer Wellenlänge was die Fachwerkleidenschaft angeht, seine Gesellen und Lehrlinge sind alle auf Erhaltung und Reparatur eingeschworen. Und auch AJ wird ihre Abschlussprüfung bald machen. Ihr Meister ist sich sicher, dass sie gute Noten bekommen und ihr Bestes zum Erhalt der Fachwerkhäuser beisteuern wird. Und vielleicht wird sie eines Tages zurück kommen, in das Dorf in Thüringen und ein Fachwerkhaus wohngesund und fachgerecht sanieren, vielleicht, wenn derjenige sein Haus verlassen hat, der es sich schlichtweg nicht mehr leisten kann und dem sein Dach über dem Kopf alsbald keinen Regen mehr abhalten kann.