17. und 18. April 2013_Seligenstadt. Nur vier Prozent aller Gebäude weltweit sind älter als 60 Jahre. „Deutschland, mit seinen 2,5 Millionen Fachwerkgebäuden aus acht Jahrhunderten, ist einmalig, was historische Bausubstanz angeht“, sagte Prof. Manfred Gerner, von der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Fachwerkstädte e. V. (ADF) auf deren Jahrestagung im südhessischen Seligenstadt. „Bei uns gibt es typische mitteldeutsche Fachwerkstädte, die alle Arten dieser besonderen Baukultur seit dem 13. Jahrhundert aufweisen“, so der 75-jährige Fachmann. „Wir sind Fachwerk“, rief er aus und erntete dafür großen Applaus.
Die Jahrestagung am 17. und 18. April beinhaltete ein straffes Programm für alle Beteiligten. Es tagten Lenkungs- und Marketingausschuss, Sitzungen der Arbeitsgruppen Bautechnik, Bildung und Recht wurden gehalten, Workshops der Triennalestädte fanden statt, zwischendrin die Sitzungen der Vorstandsmitglieder der Städte und Straße, zudem feilten Vertreter von Bund und Ländern mit an Strategien, Strukturen und Logistik der Gemeinschaft für die kommenden Jahre. Schließlich steht nach den Fachwerktriennalen 09 und 12 nun die Triennale 15 an, auch dies ein Beschluss, der in Seligenstadt getätigt wurde. Dr. Wolfgang Mende wurde in den Vorstand gewählt, zudem erklärten Dr. h. c. Martin Biermann und Prof. Gerner, dass sie im nächsten Jahr aufgrund ihres Alters nicht mehr zur Wahl in den Vorstand antreten werden, dem schloss sich Hans-Dieter Dörbaum an. Als neue Mitgliedsstädte wurden Sindelfingen Nehren in der ADF begrüßt, derzeit zählen die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Fachwerkstädte 127 Mitgliederstädte, 96 sind es in der Fachwerkstraße.
Auf der Tagesordnung stand der Vortrag von Dr. Andreas Hollstein aus der Stadt Altena in Nordrhein-Westfalen, der den etwa 100 Zuhörern deutlich machte, dass es sich immer lohnt, die Ärmel für seine Stadt hochzukrempeln. Nach einem Bevölkerungsschwund von 31.000 auf knapp 19.000 Einwohner, stand die Stadt buchstäblich vor dem Aus. „Wir halten dagegen“, sagte Dr. Hollstein. Bürger, Politiker und Bürgermeister betreiben gemeinsam Stadtplanung und –marketing und machen die Stadt zwischen der Burg und dem Fluss Lenne fit für den Tourismus. Zur Burg kommt der Gast bald schon durch einen Eventtunnel, Weltjugendherberge, Drahtmuseum, Burg Holtzbrinck, Stadtgalerie und Menschen, die wieder gern in ihrer Stadt leben, sind Aushängeschilder, die sich die Bürger dieser Stadt durch gemeinsame Arbeit, Mut und Fördergelder verwirklichten.
Das beeindruckte alle, die im Sitzungssaal des Riesen in Seligenstadt Platz genommen hatten. Der Tourismus, seit 1990 durch die Deutsche Fachwerkstraße e. V. angetrieben und mit den Regionalstrecken als erste Destination platziert, hat sich in den meisten Städten zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor entwickelt. Die Zusammenarbeit der beiden Fachwerk-Organisationen habe hier einen wesentlichen Beitrag am Erfolg. „Wir legen großen Wert auf Qualität und haben ein bundesweites Netzwerk von Spezialisten aufgebaut“, sagte Dr. h. c. Martin Biermann, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaf, während der Mitgliederversammlung. Er dankte Seligenstadts Bürgermeisterin und Gastgeberin Dagmar B. Nonn-Adams und sprach seine Anerkennung für Urbanität und eine lebendige Fachwerkaltstadt aus.
Das sei das Ergebnis einer guten Zusammenarbeit während einer 40-jährigen  Sanierungszeit, die in einer Broschüre druckfrisch dokumentiert vorliege, so die Bürgermeisterin, die in diesem Zusammenhang die Arbeit des ehemaligen Baudezernenten Hubert Post würdigte. „Wir profitieren vor allem von der Arbeit der Fachwerkstraße, die uns vom Tagesgast bis zum sanften Tourismus die Gäste in die Städte lenkt“, sagte sie.
Während der Tagung wurde auch der erfolgreiche Abschluss der Fachwerktriennale 12 herausgestellt. Waren es bei der Triennale 09 erst 19 Teilnehmerstädte, nahmen im vergangenen Jahr 23 Fachwerkstädte teil. Die Presseresonanz dazu war so enorm, dass die Beiträge nicht in eine Pressemappe passten, wollte man nicht ein Buch daraus drucken, so Prof. Gerner. Er hatte es mit seinem Team aus vier Personen in den begrenzten Räumlichkeiten der Propstei Johannesberg und der Mitarbeit des Büros Ferber und Graumann aus Leipzig geschafft, die Triennale zu einem erfolgreichen „Fachwerkprodukt“ zu machen und die Fördergelder für die Umsetzung zu realisieren.
Profitiert haben Teilnehmerstädte, die revolvierende Fonds, Ausbau zentraler Energieversorgung, belebte Innenhöfe, Masterpläne, Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege, Weiterbauen im Bestand, Zusammenarbeit mit Förderbanken, Mehrgenerationenhäuser, Innen- vor Außenentwicklung, Bürgerpartizipation bei der energetischen Sanierung, zentrale Anlaufstellen für Bürger, Quartierskonzepte oder auch Bürgergruppen, Genossenschaftsmodelle oder Stiftungen in der Stadt etablieren konnten. Diese Erfolgsrezepte wird es laut Prof. Gerner unter der Frage: „Was machen wir wenn…?“, in einem „Rezeptbuch für Bürgermeister“ zum Nachlesen geben. Zudem ist eine Neuauflage des Buches Deutsche Fachwerkstraße in Arbeit, der Internetauftritt soll modernisiert werden.
Dass sich diese Förderung lohnt, stellte Eva Schweitzer, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung Bonn, klar. „Die Erfahrungen der Städtebauförderung haben gezeigt, dass ein Euro Förderung etwa acht Euro an Investitionen nach sich ziehen“, so Schweitzer, die Deutschlands Altstädte als „ein Symbol der europäischen Stadt von heute“ bezeichnete. Und auch Dr. Gregor Langenbrinck, Büro für städtische Konzepte Urbanizers Berlin, bezeichnete das Projekt als gelungen, die Erfolge seien sichtbar. „Die Triennale bekommt hohe Anerkennung im Bundesbauministerium“, sagte Langenbrinck, der bereits seit 2009 für das Bundesbauministerium die Fördermodalitäten begleitet. „Ohne Fördergelder geht es nicht“, sind sich die Mitglieder und Mitwirkenden einig.
Dass diese sinnvoll eingesetzt werden können, dafür sorgen derlei Jahrestagungen, bei denen am Ende eines arbeitsreichen Tages auch mal gemütlich zusammen gesessen und geredet wird. Hier zeigt sich dem Betrachter das Bild einer großen Familie, die in Seligenstadt mit der Aufnahme von Dr. Biermann und Prof. Gerner in die „Ordensbruderschaft zum Steyffen Löffel“ ihre Verbundenheit ausdrückte. Aus einem großen vergoldeten Geleitslöffel mussten die Auserwählten einen guten „Schoppen“ Wein in einem Zug austrinken, damit sie in die Gemeinschaft der Seligenstädter Honoratioren aufgenommen werden. Der Brauch stammt aus dem 13. Jahrhundert und ist auch heute noch eine große Ehre für die neuen Ordensbrüder. Überhaupt ist die gemeinsame Arbeit immer auch eine historische Reise in die Vergangenheit, so erforschte Prof. Gerner die gemeinsame Geschichte zwischen Seligenstadt und Fulda. Einhard, ein Urkundenschreiber aus dem 8. Jahrhundert, wurde Kanzler und Biograf Karls des Großen. Erzogen im Kloster Fulda, studierte er unter Rabanus Maurus. Dieser befasste sich besonders mit dem Handwerk und schrieb im Buch „De Universo“ im 12. Kapitel einen Brief an die Zimmerer, den Prof. Gerner komplett übersetzen lies. Einhard leitete später die Errichtung zahlreicher Bauten Karls des Großen, darunter Brücken und Pfalzen und hatte die Aufsicht über Hofwerkstätten, das Interesse an konzeptionellen Planung und Bauaufsicht kommt der Arbeit es heutigen Architekten schon sehr nah.
Die nächste Jahrestagung findet in Bietigheim-Bissingen statt. Dann mit Neuwahlen für die Ausscheidenden Dr. h. c. Biermann, Prof. Gerner und Hans-Dieter Dörbaum, die ihre teils jahrzehntelange Arbeit im Sinne der Fachwerkstädte gern und erfolgreich gemacht haben.