Vor dem Abriss bewahren

Vor dem Abriss bewahren

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10. März 2015_Fulda. Die Torhalle in Lorsch ist ein besonderer Bau. Vor wenigen Wochen erst wurden die Restaurierungsarbeiten abgeschlossen und die schöne Architektur vom Baugerüst befreit. Jetzt ist das unter Ludwig dem Deutschen um das 9. Jahrhundert erbaute Kulturdenkmal wieder von allen Seiten zu bewundern. Die Torhalle ist der Rest des um 764 gegründeten karolingischen Klosters Lorsch und steht seit fast 1200 Jahren an dieser Stelle im Kreis Bergstraße. Die Königshalle, wie sie auch genannt wird, bewundern Fachleute wegen „ihrer kannelierten Rechteckvorlagen, Kapitelle im ionischen Stil, typischen korinthischen Akanthusblätter und klarer Stockwerksgliederung“, für andere ist sie einfach ein Zeichen für die interessante Geschichte dieses Ortes und ein Grund mehr, Lorsch zu besuchen. Seit 1991 stehen die Reste der karolingischen und die der mittelalterlichen Klosteranlage in der UNESCO-Weltkulturerbeliste.
Dass man die Königshalle heute noch bewundern könne, habe man dem Großherzog Ludwig I. von Hessen-Darmstadt zu verdanken, sagte Prof. Manfred Gerner zu 20 Teilnehmern eines Fachwerk-Gästeführerseminars zum Thema Denkmalschutz und Denkmalpflege, das Anfang März im Refektorium der Propstei Johannesberg in Fulda stattfand. „Der Großherzog hat die Halle im Jahr 1797 erworben und sie vor dem Abriss bewahrt“, sagte Gerner. Denkmale seien zu dieser Zeit Monumente oder Epitaphien gewesen, während mit dem neuen Schutzgesetz in Hessen ab 1974 auch Häuser, ganze Ensembles und Details unter Schutz stellte, die mindestens einer abgeschlossenen Kulturepoche angehörten. „Die Begründung, warum ein Denkmal in die Denkmalliste aufgenommen wurde, muss für den Bürger nachvollziehbar sein“, sagte der Fachmann, der die Gästeführer aus ganz Deutschland für das Thema Denkmalschutz und –pflege sensibilisieren will. Die Gästeführer seien ein wichtiger Baustein bei der Erhaltung der historischen Fachwerkstädte, da sie vor Ort Hauseigentümern oder Gästen klar machen könnten, wie wichtig der Schutz der Denkmäler ist. „Stadtführer sind das Gelenk zwischen Bewohnern und Tourismus, sie sprechen tagtäglich über die Geschichte der Denkmäler“, sagte Prof. Gerner, der bereits über 1000 Gästeführer aus ganz Deutschland in der Propstei zu Fachwerkgästeführern geschult hat.
Ob ein Haus einen bekannten Bewohner beherbergte, eine besondere Technik in sich birgt oder vielleicht eine Putzoberfläche zeigt, die längst vergangenen Epochen angehört, all das können Eigenschaften sein, die eine Aufnahme in die Denkmalliste ermöglichen. Dass der Denkmalschutz den gesetzlichen Rahmen bildet und die Denkmalpflege alle praktischen Maßnahmen beschreibt, klingt verständlich, dennoch hat das Wort „Denkmalschutz“ für viele Menschen etwas Bedrohliches. „Denkmal, das wird teuer, da muss ich mich an Auflagen und Gesetze halten“, zitiert der Professor aus vielen Gesprächen mit Eigentümern. „Die Bauerhaltung steht zwar im Vordergrund, das darf die Existenz des Eigentümers aber nicht gefährden“, sagte Gerner, der auch auf die finanzielle Unterstützung von Land und Kommune hinwies. Im Hessischen „Gesetz zum Schutz der Kulturdenkmäler“ ist unter § 11 über die Erhaltungspflicht zu lesen, dass Kulturdenkmäler im Rahmen des Zumutbaren von Eigentümer, der Gemeinde und dem Land zu erhalten und pfleglich zu behandeln sind. „Eigentum verpflichtet“ steht in Artikel 14 des Grundgesetztes unter Punkt 2. „Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“, heißt es im zweiten Satz. Das mache die soziale Verantwortung der Eigentümer deutlich und unterstreiche die Aufgabe, die „Kulturdenkmäler als Quellen und Zeugnisse menschlicher Geschichte und Entwicklung zu schützen“, so Gerner.
Anhand von Fotos bekannter historischer Fachwerkbauten, darunter auch das 1514 erbaute Alsfelder Rathaus, wurde den Seminarteilnehmern vermittelt, dass wohl alle deutschen Städte dem Denkmalschutz viele Schätze zu verdanken haben. „Das Alsfelder Rathaus gibt es noch, weil in Hessen das erste moderne Denkmalschutzgesetz verabschiedet wurde“, so Gerner. Das „Gesetz, den Denkmalschutz betreffend, vom 16. Juli 1902“ sei dem Aufstand der Alsfelder Bürger geschuldet, die den Abrissbeschluss für ihr Rathaus nicht hinnehmen wollten und bereits 1878 Spenden für die Sanierung sammelten. In Großherzog Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt fanden sie einen Mitstreiter, der vom kulturellen Wert des Rathauses überzeugt, den „Generellen Schutz der Denkmäler im öffentlichen Besitz, aber auch der Schutz der Baudenkmäler, die im Besitz von Privatpersonen sind“ per Gesetz festschrieben ließ. Die Denkmalliste, der Denkmalrat, die Pflicht zur Benachrichtigung der Eigentümer, Widerspruchsrecht und Entschädigungsansprüche sowie weitere Rechte und Pflichten sind darin geregelt. „In Frankfurt am Main konnten viele Tausend Gebäude in Ensembles auf einen Schlag unter Denkmalschutz gestellt werden“, so Gerner. Und das war gut so, schließlich fielen durch die sogenannte Flächensanierung nicht nur Ende des 19. Jahrhunderts, sondern vor allem auch in den 1970er Jahren ganze Häuserzeilen dem Straßenbau zum Opfer. „Das ahl Gelerch gehört abgerissen“, zitierte Gerner die Stadtplaner dieser Zeit.
Als 1974 das „Hessische Gesetz zum Schutze der Kulturdenkmäler“ in Kraft trat, war der gelernte Zimmermann nach seinem Architekturstudium in der Denkmalpflege in Frankfurt am Main tätig und damit für die praktische Umsetzung des Gesetzes mit verantwortlich. Neben Restaurierungsmaßnahmen am Dom und St. Leonhard war er in den 1970er Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Referats Denkmalpflege für mehr als 250 Fachwerkbauten zuständig, die freigelegt und saniert wurden, darunter das älteste Haus aus 1291 in Alt Sachsenhausen.
Im Tagesseminar zeigte er herausragende Denkmale, Stilentwicklungen von der Romanik, Gotik, Renaissance bis zum Art Deko und dem Bauhaustil. Vor allem die zahlreichen Beispiele von Bewertungskriterien bekannter Bauwerke, die künstlerische, wissenschaftliche, technische, geschichtliche oder städtebauliche Gründe zur Aufnahme eines Denkmals in die Liste beinhalten können, beeindruckten die Semiarteilnehmer. „Denkmäler sind nicht für Denkmäler, sondern für die Menschen da“, gab Prof. Gerner allen noch mit auf den Weg in ihre Fachwerkstädte, wo sie zeigen können, wie wertvoll Kulturgut für Bürger und ihre Gäste ist.

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