Die Kunst der lebendigen Chemie

Die Kunst der lebendigen Chemie

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Hermann Fischer hat mich beeindruckt. Sein Redebeitrag im Rahmen des Denkmal!Kunst-KunstDenkmal!Festivals 2017 (DKKD) war hochklassig kunstvoll komponiert. Und am Ende gab es Hoffnung, dass wir auch ohne den Einsatz giftiger Chemikalien auskommen können, wenn jeder von uns umsichtiger agiert.

Fischer, der 1983 die Firma AURO Pflanzenchemie GmbH gründete, berief auf Physiker wie Johann Wilhelm Ritter, Schriftsteller der Frühromantik wie Novalis und Ökologen unserer Zeit wie Michael Succow. Sie beeinflussten sein Ziel, durch eigenes Tun dem Baukasten der natürlichen Chemie etwas Gutes abzufordern und weitere Mitstreiter auf diesem Weg zu finden. Alles nachzulesen in seinen Büchern.

Osterode am Harz. Der Prunksaal der Schachtruppvilla umspielt den Gast mit einer Architekturbemalung aus griechischen Säulen an Wänden und Decken. Die Farbe Blau herrscht dort vor, Engelsfiguren zieren Portale, die Sichtachsen wurden bewusst im Stil des Klassizismus mit Ornamentbemalung verziert. Ein wunderbarer Ort, um die kraftvolle Wirkung der Farben zu erleben, wie sie im 19. Jahrhundert möglich waren. Der Erbauer und Farbenhersteller Johann Friedrich Schachtrupp (1773 – 1822), betrieb eine Bleiweißfabrik am Scheerenberg. Ihn trieb nicht nur der dadurch erzielte Reichtum an, ihm war zudem bewusst, dass seine Belegschaft für ihren Lohn und seine Firma mit extrem giftigen Rohstoffen arbeiten musste. Die hoch-
deckende, schön glänzende Farbe aus basischen Bleicarbonat, schädigte die Gesundheit der Menschen. Das war schon über viel Jahrhunderte bekannt. Bei Schachtrupp gab es deshalb Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, freie Arztbehandlung und kostenlose Medikamente. Als Vorsorgemaßnahmen ließ er einen Freizeitbereich um die Fabrik herum schaffen. Zeitzeugen berichteten über eine „Menagerie mit Hirschen, wilden Tieren und Federvieh, einer ganzen Herde Schweizer Kühe auf einer Weide neben der Fabrik, von öffentlichen Bergfesten, zu der nicht nur die eigene Belegschaft, sondern auch die Bewohner von Osterode bis Clausthal willkommen waren.“

In der Schachtruppvilla, dem ehemaligen Wohnhaus der Familie, schraubt sich eine imposante Wendeltreppe bis in die zweite Etage hinauf. Das Treppenhaus ist ein Kunstwerk für sich, das erklommen werden muss, will man den Blick auf den schönen Prunksaal werfen. Dem Aufstieg folgte an diesem Abend der Vortrag eines Farbenherstellers, der als Chemiker im eigenen Kellerlabor herausfand, wie aus den Bestandteilen des Indigostrauches oder der Krappwurzel einige Grundstoffe für die AURO-Naturfarben herzustellen waren. Fischer, ein weltweit gefragter Fachmann, ließ fremde Menschen an seiner Sicht auf die Welt der Chemie teilhaben. Der Ökomanager des Jahres 1992 ist ein wichtiger Berater im Präsidium des NABU und auch die Bundesregierung legt auf seine Meinung Wert. In den 1980er und 90er-Jahren machte er keinen Hehl daraus, dass die moderne Chemie den falschen Weg eingeschlagen hatte. Dafür wurde er von Spitzenkräften der chemischen Industrie mit hohen Strafgeldern bedroht und als „realitätsfremder Öko-Spinner“ belächelt. Heute ist seine Realität umweltfreundlicher Standard geworden.

Fischer machte auf den Wert der Baukultur für die Menschen aufmerksam. Am Beispiel der Fachwerkhäuser erläuterte er die „Trias der Nachhaltigkeit“, in dem er
Oikos, mit Haus und der Ökonomie, einer guten und gerechten Kunst des Haushaltens übersetzte. Die Ökologie benannte er als Lehre daraus, bezog die Umwelt mit ein und stellte fest, dass zu den drei Säulen der Nachhaltigkeit auch die soziale Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft zähle. „Menschen“, sagte er „suchen nach etwas Heilsamen“ und dazu zähle auch, etwas zu bauen, zu verändern, zu entwickeln und zu verschönern.

„Was wir brauchen ist eine neue Baukunst, in der die Chemie als künstlerische Stoffnutzung mit einbezogen wird. Die zurzeit vorherrschende Einseitigkeit ruiniert uns“, mahnte er. Ihm gehe es um eine lebendige Vielfalt, die der Baukasten der Natur uns allen böte. „Die Menge aller Chemieprodukte ist marginal gegenüber dem Produktionsvolumen der Biosphäre“, sagte er und führte aus, dass die Natur viel mehr zu bieten habe und die „Photosynthese die größte Wertschöpfung ist, die Biosphäre alles liefert, was wir für Naturbaustoffe brauchen“, so Fischer. Wenn dabei die Nachhaltigkeitskriterien des Michael Succow berücksichtigt würden, seien eine „Chemiewende“ und der „Stoff-Wechsel“ möglich, beides Titel zweier Bücher, in denen Fischer seinen Weg erklärt.

Umsichtig und verständlich, mit einem sympathischen Tonfall und einer schönen Satzmelodie tut er das, im Buch und im Vortrag. Dass es eine Kunst ist, alles zu überblicken und keine Fehler zu machen, habe ich an diesem Abend mitgenommen.

Die Kunst ist, die richtige Vorgehensweise zu wählen. Übertragen wir das auf die DKKD: Hunderte Ehrenamtliche tun etwas für ihre Fachwerkstädte, die vielen Generationen ein Dach über dem Kopf boten und innerhalb von nur 50 Jahren durch seelenlose Chemie zerstört werden. Die DKKD wurde für leerstehende, dem Verfall preisgegebene Häuser erfunden, wo bildende und darstellende Kunst in Häusern verweilen, um den Menschen die Schönheit eines Hauses durch Farben, Musik und Formen näher zu bringen. Und um ein Gefühl für die Botschaft erzeugen: Rettet diese Häuser! Ein Kunstgriff, wenn es gelang.

„Meine große Leidenschaft gehört alten Büchern und hier vor allem den Texten des Philosophen, Schriftstellers und Frühromantikers Novalis. Denn der war nicht nur Philosoph, sondern nach einem Studium an der Bergakademie in Freiberg auch zum Naturwissenschaftler geworden“, sagte Fischer. „Das beseelende Prinzip, dass die Chemie zur Kunst apriori macht, muss ich hinzufügen“, zitierte Fischer „seinen Novalis“.

Das klingt für mich sehr romantisch und will mit dem Entsorgungsproblem der Chemiesüden erst einmal nicht so recht zusammenpassen. Und das Wort Beseelung würde ich heute nicht mehr benutzen. Dennoch verbinde ich es mit einem angenehmen Gefühl, das mich umspielt, wie die Farben des Prunksaals oder einem Menschen, der sich mir zuwendet. Beseelung ist etwas, das mir gut tut, mich vielleicht heilen kann oder gesund erhält. „Das Beseelende muss ich selbst hinzufügen…“, ich muss an den Oberfaktor Schachtrupp denken…

Hermann Fischer zeigte mit seinem Vortrag und einer großzügigen finanziellen Spende für die DKKD, dass ihm die Besinnung auf den achtsamen Umgang mit unserer Baukultur viel wert sind. Und dass er die Kunst beherrscht, die natürliche Chemie wieder zu entdecken. Menschen wie er vermögen es, Menschen wie mich damit zu beseelen. Und das tut einfach gut.

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