2. Workshop Bioökonomie in Hessen

2. Workshop Bioökonomie in Hessen

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30. März 2017_Kassel. Ökologisches und nachhaltiges Bauen – mit Holz ist das immer schon möglich. Das „Multitalent“ ist seit Jahrtausenden der wichtigste Baustoff der Menschheit. Aus ihm können mehrstöckige Häuser, Brücken, Boote, Autos, Gegenstände des täglichen Bedarfs, ja sogar Fahrstuhlschächte oder die Masten einer Windkraftanlage gebaut werden. Während in den vergangenen Jahrhunderten die konstruktiven Eigenschaften der geraden Hölzer durch Zimmermeister, Architekten und Statiker weiterentwickelt werden konnten, sollen heute die positiven Eigenschaften einzelner Bestandteile genutzt und diese mit andern Materialien, Technologien und Anwendungsbereichen kombiniert werden. Die Bioökonomie beschreibt die Suche nach Konzepten zur Nutzung biologischer Ressourcen und schlägt eine Brücke zwischen Technologie, Ökologie und effizienter Wirtschaft.
Die Themen des „Praxisworkshops biobasierte Baumaterialien“ schlugen eine Holz-Brücke vom Potential im Materialmix, über Papierbauten, Holz als Kunststoff, dem Furnierschichtholz aus Buche, das sogar Faltwerkdecken möglich macht, wenn die Holzverbindungen optimiert werden können. Dass die Potentiale für den Holzbau enorm sind und die Zeit für eine Holzkonjunktur da ist, zeigt die Holzbauquote von derzeit 20 Prozent in Hessen und nur 16 Prozent in Deutschland. Diese müssten im Hinblick auf den Klimaschutz noch gesteigert werden, was gelingen kann, wenn Rohstoffversorgung, Handwerk, Holz- und Sägeindustrie, Forschung und Genehmigungsbehörden gut zusammenarbeiten. Holz ist ökonomisch und konstruktiv die richtige Alternative zum Betonbau. Die Gewinner dieser Bioökonomie sind die Umwelt, die Holzerzeuger und die gesamte Holzwirtschaft, so das Resümee der Veranstaltung.

Über 40 Teilnehmer nahmen das Angebot der Hessen Trade & Invest an und diskutierten mit. Im SciencePark Kassel begrüßte Dr. Detlef Terzenbach die Zimmerermeister, Planer, Entwickler, Vertreter der Institutionen, die an der Holzwirtschaft oder der Holzwissenschaft beteiligt sind. Innovative Entwicklungen wurden vorgestellt und der Wunsch geäußert, gemeinsam neue Anwendungsgebiete zu erschließen. Prof. Dr. Leander Bathon von der Hochschule Rhein-Main rief in seinem Impulsvortrag dazu auf, in Zukunft den Materialmix zu optimieren. Er stellte freitragende Treppenkonstruktionen und den Timber Tower vor, sprach über die Standfestigkeit mehrgeschossiger Holzbauten in Erdbebengebieten und Decken, die aus Holz und Beton im Verbund einfach besser sind. „Wenn wir CO2-neutraler in der Zukunft arbeiten wollen, müssen wir mehr Holz am Bau einsetzen“, sagte er.
Begleitet wurde dieses Tag auch von Dr. Ulrike Niedner-Kalthoff vom Hessischen Wirtschaftsministerium, das Holzbau Cluster Hessen wurde durch den Vorsitzenden Prof. Dr. Achim Vogelsberg und den Geschäftsführer Heinz Moering vertreten.
Einer Steigerung der Holzbauquote und Innovationen aus Holz steht nichts im Wege, wenn die Ergebnisse, wie sie dieser Workshop hervorbrachte, optimal zusammengeführt werden. Das machte die abschließende Podiumsdiskussion deutlich, bei der auch Lars Schmidt, Landesbeirat Holz Hessen e. V. und Bundesverband Deutsche Säge- und Holzindustrie e. V. unter der Moderation von Denny Ohnesorge, Geschäftsführer Deutscher Holzwirtschaftsrat e. V. und Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rohholzverbraucher e. V., mitdiskutierte. Holz ist immerhin der einzige Baustoff, der immer wieder nachwächst.

Prof. Dr. Leander Bathon (Hochschule Rhein-Main): „Holz ist der einzige Werkstoff, der sich selbst produziert“, sagte Prof. Bathon in seinem Impulsvortrag. Für eine CO2-neutralere Zukunft müsse mehr mit Holz gebaut werden. Die Einsatzmöglichkeiten von Holz am Bau hätten enormes Potential, das Brettsperrholz oder die BauBuche seien wichtige Produkte für den Holzbau und ermöglichten Projekte, die vor einigen Jahren noch nicht denkbar waren. „Der Bau eines Holzturmes für Windkraftanlagen, wo hohe Kräfte in den Lasteinleitungspunkten wirken und hohe Anforderungen an die Verbindungstechnik gestellt werden, konnte sich niemand vorstellen“, so Bathon. Die Lösung der Firma Timber Tower GmbH waren eingeklebte Stahlteile, das HSK-System. 100 Meter hoch ist der Holz-Turm, der bei Hannover seit 2012 steht und zeigt, was Holzbau kann.
Aber nur, weil Holzverbindungen vielfältig sind, die Klebetechnik dabei ein zukunftsorientiertes Verbindungssystem darstellt. „Wie in der Medizin, wo beim Patienten Hüfte, Knie oder auch Zahnimplantat passgerecht eingesetzt und verklebt werden, könne das auch beim Materialmix von Holz, Stahl und Beton gemacht werden. „Bauten, die bislang nur in Stahlbetonbau möglich waren, sind in der Klebetechnik auch mit Holzelementen realisierbar“, so Bathon. Das mache die Konstruktion flexibler, leichter und günstiger. „Wir nehmen Holz, Stahl und den Kleber und erzeugen spannende Synergieeffekte“, sagte er. Diese Verbindungstechnik mache Strukturen möglich, wo im Stahlbau gedacht und gearbeitet, aber mit Holz gebaut würde. Mit den neuen Verbindungstechniken könne man nicht nur Holztürme bauen, sondern auch 30 Stockwerke in Holzbauweise errichten, weil die Verbundbauweise eine enorme Vielfalt möglich mache.

Prof. Dr. Jens Schneider (Technische Universität Darmstadt): Im Bereich Bauen und Rückbauen fallen in Europa die größten Mengen an Abfall an. Darum sieht der EU-Aktionsplan vom Dezember 2015 auch die Trennbarkeit von Werkstoffen und die Vermeidung von Müll vor. Holz und Werkstoffe aus Holzfasern sind darum noch interessanter geworden. „Aber was kann man aus Holzfasern, was kann man aus Papier in Kombination mit Holz noch machen?“, fragte Prof. Schneider. Denn auch das Papier könne ein interessanter Werkstoff für den Bau werden. Aus der Sicht der Forscher sei es sinnvoll, das Bauen mit Holz auf der Forschungsebene auch im Hinblick auf das Papier voranzutreiben. „Papier ist leicht und in großen Mengen herzustellen, wir können auf der Faserebene bereits die Feuchteresistenz und die Brennbarkeit beeinflussen“, so Schneider. Papiere seien heute bereits mit Zugfestigkeiten von über 100 Megapascal herstellbar, von der Rollenware bis zum Baustoff sei es aber noch ein langer Weg. „Die Vorzüge liegen auf der Hand: Der Rohstoff ist nachwachsend, das Material kostengünstig, die Fasern lassen sich ausrichten und funktionalisieren“, sagte er. Doch die Herausforderungen für das feuchtigkeitsempfindliche, leicht brennbare und dünne Ausgangsprodukt Papier sind hoch. Darum ist ein Team aus Architekten, Chemikern, Mechanikern, Bauingenieuren, Maschinenbauern und Papierherstellern bei diesem LOEWE-Schwerpunkt „BAMP!-Bauen mit Papier“ an der TU Darmstadt mit dabei, das Holzbau Cluster Hessen soll das Netzwerk noch erweitern.

Dr.-Ing. Maik Feldmann (Uni Kassel): Auch er forscht innerhalb eines LOEWE-Projektes. „Safer Materials“ heißt es und hat das Ziel, Materialien zu entwickeln und zu untersuchen, die besonders effizient sind und auf höchste Eigenschaften abzielen oder auf Basis erneuerbarer Rohstoffe hergestellt werden. Dabei wird werkstoffübergreifend der Faktor Mensch berücksichtigt, der entlang der Prozesskette vom Rohstoff bis zum fertigen Bauteil viele, teils kritische Entscheidungen treffen muss. Holz spielt dabei eine große Rolle. „Wir können es als Faser, Mehl oder Späne nutzen oder es in seine Bestandteile zerlegen und dann weiterverarbeiten“, so Dr. Feldmann. Der Einsatz dieser Materialien sei CO2- und gewichtsreduzierend, die rohstoffliche Nutzung durch Fermentation von Basischemikalien und eine Weiterverarbeitung zu Biokunststoffen zudem ebenfalls möglich. „Die Anwendung ist vielseitig, die Akzeptanz bei Verarbeitern und Endkunden entwickelt sich langsam. Vielversprechend ist die Anwendung von Holz in der Kunststofftechnik für die nächste Generation der Biokunststoffe“, stellte er in Aussicht. „Wir suchen noch Kooperationspartner für die Weiterentwicklung der Anwendungsgebiete im Baubereich“, war sein Appell in die Runde.

Jan Hassan (Pressesprecher Pollmeier Massivholz GmbH): Vielleicht ist dieser Kooperationspartner die Firma Pollmeier aus dem thüringischen Creuzburg? Denn Pollmeier ist mit der BauBuche bereits die Markteinführung einer Produktinnovation gelungen, deren Höhenflug gerade erst begonnen hat. „Der vermehrte Anfall von Laubholz und die begrenzten Verwendungsmöglichkeiten in Form von Produkten mit höherer Wertschöpfung sind noch immer ein Problem der Holzverwendung“, zitierte Jan Hassan den Thünen Report vom 9. Dezember 2013. Darauf hat Pollmeier bereits im Oktober 2014 reagiert und das einzige Furnierschichtholzwerk weltweit gebaut, das Laubholz verarbeitet. Hochmodern und hocheffizient wird aus Buchenholz ein Werkstoff hergestellt, das es im Hinblick auf die Tragfähigkeit mit Stahl aufnehmen kann. Die BauBuche erfordert zudem geringere Querschnitte und weniger Materialeinsatz als das bei Nadelholz der Fall ist. Sie wird in der Sanierung von Bestandimmobilien eingesetzt, für Unterzüge oder Fensterstürze, aber auch beim Neubau moderner Bürogebäude für Hightechfirmen, deren Mitarbeiter sich im Holzbau wohler fühlen und gern dort arbeiten. „Mit diesem Furnierschichtholz können große Distanzen überspannt und Hallen gebaut werden, Schulen können in Modulbauweise innerhalb von drei Monaten erweitert werden“, so Hassan. Im Hinblick auf den Zeitdruck beim Wohnungsbau ein interessantes Produkt. Dass die BauBuche auch für Bauten der Zukunft eingeplant wird, zeigen die Entwürfe für einen Wolkenkratzer, der im Rahmen eines Wettbewerbes an der University of Cambridge von vier Teams im Holzbau geplant werden sollte, drei der Entwürfe haben die BauBuche von Pollmeier fest eingeplant.

Martin Seelinger (Architekturbüro cornelsen + seelinger, Darmstadt): Der Wohnungsbau wird ohne Holz unter dem Gesichtspunkt des Klimawandels nicht auskommen. „Die Architekten müssen Strategien entwickeln, die es möglich machen, Ressourcen zu schonen und ökologisch zu bauen“, sagte er. Holz bleibe dabei aber ein Werkstoff von vielen, es müsse nicht immer eine reine Holzlösung sein. „Uns Architekten fällt eine Schlüsselrolle zu, wenn man sich die Zahlen mal vor Augen führt: 40 Prozent der Energieressourcen verbraucht die Bauwirtschaft, 40 Prozent CO2-Ausstoß, 60 Prozent der Transportaufwände gehen darauf zurück“, so Seelinger. Dabei müsse seine Berufsgruppe eigentlich jedes Jahr 400.000 bis 500.000 Wohnungen bauen, dabei schneller und besser werden. Produkte wie die BauBuche seien wichtig, auch, weil damit der Materialmix und wirtschaftliches Bauen möglich seien. „Wir bauen interessante Bauwerke mit Holz-Beton-Verbunddecken, dabei lassen wir den Stahl raus und verwenden die BauBuche als Träger“, erklärte er und nannte das Forstamt Jenaer Holzland als Beispiel. Nach Plänen des Architekturbüros cornelsen + seelinger seien Erd- und Obergeschoss in nur von zwei Wochen von drei Zimmerleuten montiert worden. „Ein enormer Zeitvorteil durch die vorgefertigte Konstruktion, die vor Ort präzise montiert werden konnte. Wir müssen stärker und schneller auf die Herausforderungen reagieren und auf Probleme mit Innovationen reagieren“, so Seelinger. Das Betätigungsfeld der nächsten 20 Jahre sei es, den gesteigerten Raumbedarf zu schaffen. „Hier sehe ich im Holz- und im Fassadenmodulbau die größten Chancen“, sagte er.

Die Podiumsdiskussion unter der Moderation von Dr. Denny Ohnesorge (Deutsche Holzwirtschaft e. V. und Arbeitsgemeinschaft Rohholzverbraucher e. V.), brachte Martin Seelinger, Lars Schmidt (Bundesverband Deutsche Säge- und Holzindustrie e. V. und Landesbeirat Holz Hessen e. V.), Jörg van der Heide (Leiter des Forstbetriebes bei Hessen-Forst), Peter Hellmuth (Verband Hessischer Zimmermeister e. V.) und Susanne Vogt (Hessisches Ministerium für Energie, Verkehr und Landesentwicklung) in die Diskussion um Holz und biobasierte Werkstoffe. Von 702 mehrgeschossigen Bauten in Hessen wurden in den Jahren 2010 bis 2012 nur neun im Holzbau realisiert, das sind gerade einmal 1,3 Prozent. Umso wichtiger seien derlei Veranstaltungen, sagte Susanne Vogt. Die Hessische Landesregierung sei als Oberste Landesbehörde der Bauaufsicht „sehr an einer Weiterentwicklung des Holzbaus interessiert und hat auch schon viel gemacht“, sagte sie.
Jörg van der Heide, stellte Holz als Grundlage der biobasierten Wirtschaft heraus. „Wir werden international um die guten Standortfaktoren beneidet, im europäischen Vergleich haben unsere Wälder die größten Holzvorräte, die nachhaltig bewirtschaftet werden“, so van der Heide. Mehr Holzbauten zu realisieren und Leuchtturmprojekte aus eigenen Ressourcen zu bauen, ist sein Wunsch.
Dabei müsse die Rohstoffversorgung gewährleistet sein. „Das Aufkommen und die Nutzung des Holzes muss man klar trennen“, sagte Lars Schmidt. Beim Schnittholz sei Deutschland Importeur und Exporteur, dabei könnte noch viel mehr in Deutschland eingesetzt werden. „Im Sägewerk fallen 40 Prozent Nebenprodukte an, dafür suchen wir nach stofflichen Verwendungsbereichen. Die Bioökonomie macht uns große Hoffnungen“, so Schmidt.
Sie reden nicht über Bioökonomie, sie setzen es um. Zimmermeister Peter Hellmuth nennt Holz und Holzprodukte „die gesündesten Baustoffe.“ Das ökologische Bauen mit Holz sei aber immer noch etwas teurer als der Massivbau und auch darum noch nicht für die Mehrzahl der Bauherren attraktiv. „Wir brauchen mehr konstruktive Gespräche zwischen Bauämtern und Handwerkern, damit sich der Holzbau endlich frei entwickeln kann“, sagte er. Neue Fachgebiete zu schaffen und den Focus stärker auf den Holzbau zu lenken, ist der Wunsch von Martin Seelinger. Dann kann die Bioökonomie weiterwachsen. Denn es ist sicher, dass mehr Holzbau gebraucht wird.

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